Introvertiert und kreativ - manchmal eine problematische Verbindung

 

Introvertiert und kreativ. Auf den ersten Blick vielleicht gar keine so erwähnenswerte Verbindung. Für mich war das allerdings mein ganzes Leben lang ein Thema.

Nicht das ich mich für außergewöhnlich kreativ halte oder sogar ein verkanntes Genie in mir sehe (naja, vielleicht ein kleines ;)) und ich denke auch nicht, dass Introvertierte von Natur aus kreativer sind als Extravertierte (andersherum natürlich auch nicht).

 

Nein, das Problem ist ein anderes.

 

 

Es kommt bei Introvertierten genau wie bei Extravertierten darauf an, welche Gehirnhälfte die aktivere ist, inwieweit die Kreativität in der Kindheit gefördert wurde und wie man später als Erwachsener damit umgeht.

Vielleicht haben Introvertierte einen kleinen Vorteil, weil sie sich in ihrem „stillen Kämmerlein“ mehr auf ihre Kreativität einlassen können und ihnen in ihren Ruhephasen dann vielleicht auch mehr Ideen kommen. 

 

Aaaaber …. und jetzt komme ich zu den „Problemen“, die bei vielen Introvertierten auftauchen:

 

Viele Intros tun sich sehr schwer damit, ihre Ideen an den Mann zu bringen und/oder die Ergebnisse ihrer kreativen Phasen der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Außerdem, und auch da kann ich ein Liedchen von singen, haben introvertierte Menschen große Schwierigkeiten damit, ihre Kreativität im Beisein anderer auszuleben. Also praktisch, wenn sie unter Beobachtung stehen (oder meinen, unter Beobachtung zu stehen).

Sie können gut zu Hause im stillen Kämmerlein schreiben, malen, töpfern oder sonst etwas Kreatives ausüben, wenn andere dabei sind fällt es ihnen aber oft sehr schwer.

 

Die Ideen an den Mann bringen

Angenommen, da ist eine Idee, die raus will. Gerade der Introvertierte hat sich nun wirklich Gedanken über diese Idee gemacht, bevor er sie der Öffentlichkeit präsentiert.

Wenn dann aber Sätze kommen wie: „Ja, hört sich nicht schlecht an. Können wir ja bei Gelegenheit mal drüber nachdenken“ oder direkt „Nein, das funktioniert hier nicht“, kommt nicht selten … zack … die Ernüchterung.

Dann war es das auch meistens schon wieder mit der Idee …  vielleicht war sie ja doch nicht so gut.

 

Wenn aber dann die Extros mit ihren Ideen kommen (die, wenn wir mal ehrlich sind, nicht immer bis zum Schluss durchdacht sind) und alle sofort aufschreien „Oh, wie toll!“ „Das probieren wir aus!“ dann kann man schon mal neidisch werden, oder?

 

Ist das Problem also, dass wir Introvertierten nicht euphorisch genug mit unseren Ideen an die Öffentlichkeit gehen?

 

Das heißt, ich bin schon euphorisch. Es merkt nur keiner :)

 

Nun, ich denke, es wäre gar nicht unbedingt sinnvoll, mehr Euphorie an den Tag zu legen, denn das würde sich für einen Introvertierten nicht „echt“ anfühlen. Also für mich jedenfalls nicht.

Aber wie sollte man denn nun seiner Idee mehr Ausdruck verleihen? Ganz einfach, indem wir ihr mehr Nachdruck verleihen:

Steh zu deiner Idee!

Ja ich weiß, das ist jetzt einfacher gesagt als getan.

Aber denk mal darüber nach, wie du denn deine Ideen bisher präsentiert hast.

War vielleicht schon das eine oder andere Mal so eine oder so eine ähnliche Szene dabei:

 

Du … sag mal … wir haben doch da folgendes Problem. Vielleicht … äh … hätte ich da eine passende Lösung. Man könnte doch … ich meine, es wäre eine Möglichkeit … bla, bla, bla.

 

Na, wiedererkannt?

 

Hey, du bist introvertiert! Du bist mit Sicherheit schon zigmal die Vor- und die Nachteile deiner Idee durchgegangen. Deine Idee ist ausgereift, sonst hättest du sie gar nicht erst präsentiert, da bin ich mir sicher.

Wenn du aber bei deinem Gegenüber so rüberkommst, als wärst du dir selber nicht sicher, wie kann er dir dann vertrauen? Er weiß doch nicht, wie lange du diese Idee in deinem Kopf hast reifen lassen.

 

Also sag es auf folgende Weise:

 

Ich habe mir Gedanken über das folgende Problem gemacht, und weiß jetzt eine Lösung.

 

Basta! 

 

Dann erklärst du die Lösung und lässt bei deinem Gesprächspartner erst gar keinen Zweifel aufkommen.

Das wird vielleicht nicht von heute auf morgen funktionieren. Aber wenn du daran arbeitest, wirst du deine Ideen auch verkaufen können.

Und dann macht es doch noch viel mehr Spaß, sich ihnen überhaupt zu widmen, oder? 

Kreativität im Beisein anderer ausüben - Introvertierte mögen keine Zuschauer

Ein weiterer Aspekt, warum sich introvertierte Personen mit Kreativität schwertun, ist eine große Hemmschwelle, wenn es heißt, ihre kreative Seite im Beisein anderer auszuleben. Beispielsweise in einem Kurs oder einem Seminar. Oder auch auf der Arbeit (dann wird es sogar noch ein bisschen komplizierter).

 

Ich habe mir mal Gedanken darüber gemacht, warum es für Introvertierte so schwer ist, ihre Kreativität in einer Gruppe auszuüben. Ich kann hier natürlich nur für mich sprechen, aber vielleicht findet sich der eine oder andere ja wieder. 

 

Bei mir war es die (vielleicht oft unbewusste) Angst vor dem Satz: “Wie machst du das denn? Das macht man doch so und so!“ Selbst, wenn dieser Satz nicht gefallen ist oder nicht so direkt ausgesprochen wurden, gab es doch diese Blicke, die genau das zu sagen schienen. 

 

Nun gut ich kann mir diese Blicke natürlich auch eingebildet haben (habe ich bestimmt auch des Öfteren), aber ich weiß, dass ich als Intro oft einen anderen Weg gehe als den (gemeinhin) üblichen. 

Das liegt vielleicht daran, weil ich komplizierter denke, vielleicht aber auch, weil ich mehr in die Tiefe gehe und dann länger für ein Ergebnis brauche, oder es liegt daran, weil ich als Introvertierter einen größeren Zusammenhang sehe, oder weil ich mehr über die einzelnen Schritte nachdenke, oder, oder, oder … ich weiß es wirklich nicht. 

Ich weiß aber, dass ich schon öfter von introvertierten Menschen gehört habe, dass sie das Gefühl haben, sie würden alles anders machen, als die anderen. 

 

Früher hatte ich damit auf jeden Fall erhebliche Probleme, denn einen anderen Weg zu gehen heißt auch aufzufallen. Und das konnte ich ja mal gar nicht leiden. 

Heute weiß ich, dass gerade in der Kreativität alle Wege offen stehen. Es ist richtig und sogar wichtig, sich auszuprobieren, andere und vielleicht neue Wege zu gehen.

Es gibt in der Kreativität nämlich gar kein „Das wird aber so und so gemacht" und wenn andere das nicht akzeptieren, dann ist das deren Problem.

Heute kann ich auch sagen: „Steh dazu, wenn dein Weg ein anderer ist, und sei vor allem stolz darauf, dass du nicht den Weg gehst, den jeder geht".

 

Es führt nun mal nie nur ein Weg nach Rom. Und schon gar nicht in der Kreativität.


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