Die Stärken introvertierter Menschen

 

Es gibt da etwas, das mir immer wieder auffällt und was ich wahnsinnig interessant finde: Wenn introvertierte Menschen, die sich bisher noch nicht oder nicht viel mit (ihrer) Introversion befasst haben, mit den Stärken von Intros konfrontiert werden, fällt oft erst einmal ein ganz bestimmter Satz:

 

„Stimmt, das passt alles auf mich. Aber das sollen Stärken sein?“

 

 

Für Introvertierte ist es „normal“, dass sie anderen Menschen zuhören oder bei einem Thema, das sie interessiert, in die Tiefe gehen, um auch wirklich das letzte Detail noch zu erfassen.   

Es ist für sie „normal“, die Vorteile und die Nachteile in ihre Überlegungen mit einzubeziehen, bevor sie sich für oder gegen etwas entscheiden. Und vor allem ist es für sie „normal“, erst zu denken und dann zu reden.

 

Und jetzt kommt auf einmal jemand, der sagt, das sind Stärken? Ja! Sind es! Du musst dich nur richtig mit ihnen befassen und sie festigen. Lässt du sie unbeaufsichtigt, können sie in Hindernisse umschlagen.

 

Das ist bei den Stärken der extravertierten Menschen aber auch nicht anders:

 

  • Wenn jemand gut reden kann, ist es eine Stärke, redet er zuviel, ist er eine Nervensäge.
  • Kann sich jemand gut präsentieren, ist das eine Stärke, präsentiert er sich zu viel oder zu oft, wird er aufdringlich. 
  • Geht jemand mutig an eine Sache ran, ist das eine Stärke, zuviel davon und er wird übermütig. 

Da es absolut, ich sage mal, kontraproduktiv ist, sich nur auf seine Schwächen zu konzentrieren, ist es erst einmal wichtig zu wissen, dass überhaupt Stärken da sind, an denen gearbeitet werden kann.

 

Und das Schöne ist: Wenn man weiß, dass man Stärken hat, fällt es einem ja auch viel leichter, seine Schwächen zu akzeptieren.

 

 

Jetzt möchte ich aber einmal genauer auf einige Stärken eingehen. Ich beziehe mich hierbei auf Gespräche, die ich mit anderen Introvertierten geführt habe, auf meine eigenen Erfahrungen und auf meine Beobachtungen (ich bin introvertiert, Beobachten ist meine Stärke ;))

 

Introvertierte ...

... sind mehr auf Sicherheit bedacht

Die  Amygdalla, das ist der Bereich im Gehirn, der für die Angst zuständig ist, ist bei einem introvertierten Menschen aktiver. Das macht ihn vorsichtiger.

Ein introvertierter Mensch wägt die Vor- und die Nachteile ab, bevor er etwas Neues startet. Er analysiert erst einmal die genaue Lage und geht dadurch seltener ein Risiko ein.

 

Wenn du diese Vorsicht nicht als Stärke akzeptieren kannst, stell dir einmal vor, wie es auf der Welt aussehen würde, wenn alle Menschen einfach ohne zu überlegen nach vorne preschen und handeln oder leichtsinnig alles aufs Spiel setzen würden. 

 

... gehen den Dingen gerne auf den Grund

Ich persönlich mag überhaupt keine Oberflächlichkeit. Weder bei einem Gespräch noch bei Fachwissen (na ja, vielleicht bei meiner Ordnung, aber das ist ein anderes Thema :)). Wenn etwas mein Interesse geweckt hat, muss ich es von allen Seiten beleuchten und analysieren.

Ja, dabei verlaufe ich mich auch hin und wieder in Einzelheiten, die vielleicht nicht so wichtig sind. Aber daran kann man arbeiten. Und daran lohnt es sich auch zu arbeiten.

 

In die Tiefe gehen bedeutet übrigens auch, Dinge zu hinterfragen. Introvertierte nehmen nicht einfach alles hin, was sie hören, sondern sammeln Hintergrundinformationen. Ja, sie sagen vielleicht nicht viel, aber das, was sie sagen, hat Hand und Fuß.

 

... können sich gut konzentrieren

Die Konzentrationsfähigkeit bei Introvertierten ist zwar mit einigen Voraussetzungen verbunden (absolute Ruhe im Außen und abschalten können im Inneren). Sind diese aber gegeben, können sie sich stundenlang auf ein Thema konzentrieren. Auch bei einem Gespräch sind sie in der Lage sich sehr gut auf ihr Gegenüber zu konzentrieren. Womit wir auch schon bei der nächsten Stärke sind:

 

... sind gute Zuhörer

Warum introvertierte Menschen gut zuhören können, hat mehrere Gründe.

Zum einen liegt es mit Sicherheit daran, dass sie nicht so versessen darauf sind, selber zu Wort zu kommen. Aber auch ihre Beobachtungsgabe, ihr Interesse an Tiefe und ihr Einfühlungsvermögen kommen ihnen beim Zuhören zugute.

 

Ich bin ja fest davon überzeugt, dass zuhören können eine absolut unterschätzte Stärke ist. Jemand der zuhören kann, wird nämlich nicht nur bei seinem Gegenüber positiver wahrgenommen, er weiß auch nach einem Gespräch noch, was gesagt wurde. Und glaubt es mir: Das ist nicht selbstverständlich.

 

... strahlen Ruhe aus

Introvertierte wirken oft wie der Fels in der Brandung. Wenn alles um sie herum in Hektik verfällt, bewahren sie einen klaren Kopf und behalten auch im größten Tohuwabohu noch den Überblick

Es heißt schließlich nicht umsonst „In der Ruhe liegt die Kraft“.

 

... können alleine sein und sind unabhängiger

Wenn einer meiner extravertierten Bekannten die Lust verspürt, einen Kaffee trinken zu gehen, wird das Handy ausgepackt, die Anrufliste von A-Z durchtelefoniert und gefragt, ob jemand Lust hat, mitzugehen. Und ich habe den Eindruck, es ist dabei wichtiger, dass jemand mitgeht, als wer mitgeht. Wenn sich niemand findet, fällt der Cafébesuch eben aus. 

 

Bei mir ist das anders. Wenn ich ins Café gehen möchte, gehe ich ins Café. Natürlich kommt es vor, dass ich jemanden frage, ob er mitkommt. Dabei geht es mir aber dann darum, mit dieser Person meine Zeit zu verbringen und nicht darum, weil ich "auf Teufel komm raus" Gesellschaft brauche. Möchte derjenige nicht, gehe ich alleine.

Das hat mir noch nie etwas ausgemacht. Und es stört mich auch nicht im Geringsten, was andere dabei über mich denken (wahrscheinlich interessiert es eh keinen).

 

Ganz klar kommen hier noch andere Aspekte der Persönlichkeit dazu. Natürlich gibt es auch Intros, die (zu viel) Wert auf die Meinung anderer legen. Aber eine introvertierte Person, die ihre Bedürfnisse kennt und selbstbewusst genug ist, diese auch einzufordern, dürfte wesentlich unabhängiger von ihren Mitmenschen und deren Meinung sein, als andere. 

 

... sind geduldig und ausdauernd

Haben Introvertierte erst einmal ein Ziel gefunden, wird es auch angesteuert.

Sie gehen dabei ihren eigenen Weg. Tauchen Probleme auf, setzen sie sich damit auseinander und geben nicht so schnell auf.

Es ist in der Geschichte schon oft vorgekommen, dass introvertierte Wissenschaftler, Schriftsteller oder Künstler nach jahrelanger intensiver Arbeit aus ihrem stillen Kämmerlein gekrochen sind, um der Welt ein bahnbrechendes Ergebnis zu präsentieren.

 

... können sich gut schriftlich ausdrücken

Das liegt wohl daran, weil das Schreiben für Introvertierte oft wesentlich besser funktioniert als das Reden.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen kann man seine Gedanken beim Schreiben erst einmal sortieren, bevor man sie rauslässt.

Außerdem kann man sich beim Schreiben mehr Zeit lassen, um die passenden Wörter zusammenzusuchen.

Und was auch noch dazu kommt, man wird von seinem Gegenüber nicht unterbrochen und ist nicht gezwungen, auf Zwischenfragen zu antworten. 

Das heißt natürlich nicht, dass das Schreiben das Reden ersetzen soll, aber sich gut schriftlich ausdrücken zu können ist auf jeden Fall eine Stärke.

 

... sind gute Beobachter

Introvertierte haben ein feineres Gespür für Details und nehmen oft schon kleinste Veränderungen in ihre Umgebung wahr. In Gesprächsrunden oder überhaupt in Gruppen beteiligen sie sich nicht so sehr am Geschehen selbst, haben deswegen aber mehr Zeit für ihre Beobachtungen. Sie merken dadurch beispielsweise auch sofort, wenn ein Gespräch anfängt in eine falsche Richtung zu laufen.

 

... haben ein gutes Einfühlungsvermögen

Diese Beobachtungsgabe hilft auch dabei, sich besser in andere Menschen reinzuversetzen. Introvertierte hören nicht nur zu, was ihnen ihr Gesprächspartner erzählt, sie achten auch auf dessen Gestik und Mimik. Das hilft ihnen enorm dabei, ihr Gegenüber besser zu verstehen. Natürlich kann man auch zu viel in alles hineininterpretieren. Das ist aber, wie so vieles, eine Frage der Übung.

 

... sind reflektiert

Es ist einem Menschen kaum möglich, sich in andere reinzuversetzen, wenn er sich selbst nicht richtig kennt. Introvertierte Menschen verbringen sehr viel Zeit mit Nachdenken. Dabei gehen sie dann eben den Dingen auf den Grund. Das machen sie aber nicht nur in Bezug auf andere Menschen oder auf Themen, die sie interessieren, sondern sie hinterfragen auch ihre eigenen Fähigkeiten, ihre Gefühle und ihr eigenes Denken.

 

Das ist gewiss nicht immer einfach, denn der Grat zwischen einem gesunden Selbstbewusstsein und einer Selbstüber- oder Selbstunterschätzung ist sehr schmal. Eine fundierte Selbstreflexion ist aber die allerbeste Voraussetzung für ein bewusstes, selbstbestimmtes und entspanntes Leben.

 


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