Neigen introvertierte Menschen tatsächlich eher zu Depressionen?

 

Auf diese Aussage bin ich nun schon öfter gestoßen: Introvertierte Menschen sind anfälliger für Depressionen. Ganz ehrlich? Soooo abwegig finde ich das gar nicht. Mag sein, dass mich jetzt viele Introvertierte am liebsten steinigen würden, aber ich könnte mir schon vorstellen, dass unter den Intros die Zahl der an Depressionen erkrankten Menschen erhöht ist.

 

Versteht mich bitte nicht falsch: Natürlich ist Introversion keine Krankheit.

Es hat etwas damit zu tun, dass Introvertierte oft das Gefühl haben, sie seien „anders“ und auch permanent meinen, sich anpassen zu müssen.

Vor allem natürlich dann, wenn sie sich noch nicht mit (ihrer) Introversion auseinandergesetzt haben.

 

Wenn die innere Hektik nicht zum äußeren Eindruck passt

Dass der Introvertierte so viel Ruhe ausstrahlt, heißt ja noch lange nicht, dass er innerlich auch ruhig ist.

Im Gegenteil: Das Innere eines Intros kann mitunter ganz schön aufgewühlt sein. Und ich rede hier nicht von bunten Träumen und kreativen Ideen. Ich rede von innerer Wut und Verzweiflung.  

 

Es ist nun mal so, dass Intros andauernd zu spüren bekommen, sie seien „anders“ oder sogar „falsch“, so wie sie sind. Das fängt schon in der Kindheit an. Welcher Introvertierte kennt nicht noch von früher die Sprüche: „Geh doch mal aus dir raus!“ „Spiel mal mit den anderen Kindern!“ Bei dem schönen Wetter hängst du in der Bude?“

 

Diese Sätze ziehen sich mitunter, so oder in ähnlicher Form,  wie ein roter Faden durch das ganze Leben einer introvertierten Person: „Warum guckst du so ernst?“, „Hast du was?“, "Sag doch auch mal was!“, „Bist du immer so ruhig?“

 

Ja, das nervt!

 

 

Aber um unsere Nerven geht es hier nicht!

 

>>> Hört man solche Sätze oft genug (und das tun wir), glaubt man nach und nach selber dran. Im Unterbewusstsein setzt sich der Glaubenssatz fest „Ich bin anders“ bzw. „Die Menschen wollen mich anders haben, als ich bin.“

 

Das führt entweder dazu, dass Introvertierte versuchen, sich an eine extrovertierte Welt anzupassen, also praktisch entgegen ihrer Persönlichkeit zu leben oder sie ziehen sich ganz zurück. Beides ist nicht wirklich empfehlenswert. Und beides kann (die Betonung liegt auf „kann“) eine Depression begünstigen.

 

Probleme machen Intros lieber mit sich selber aus

Es ist kein Geheimnis, dass es ungesund ist, seine Probleme in sich reinzufressen. Das wissen natürlich auch introvertierte Menschen. Aber selbst dann, wenn der Introvertierte sich tatsächlich mal mit einem Problem an jemanden wenden möchte, schafft er es oft nicht, dieses Problem auch wirklich als ein Problem darzustellen.

 

Das soll heißen: Er spricht mit seinem Gegenüber über ein Problem, das ihn vielleicht sogar richtig stark belastet, genauso emotionslos, als würde er mit ihm über das Wetter sprechen. Bei seinem Gegenüber kommt das dann natürlich auch so rüber, als sei das Problem gar kein „richtiges“ Problem, sondern vielleicht einfach nur eine Information. 

 

So fühlt sich der Introvertierte (mal wieder) mit seinem Problem nicht ernst genommen und alleine gelassen. Das wiederum führt dann nicht selten zu der Schlussfolgerung: Wenn mein Problem ja eh keinen interessiert, brauche ich es auch keinem zu erzählen.

 

Soll das jetzt heißen: „Ein bisschen mehr Dramatik bitte“?

 

Nein, das soll es nicht heißen. Du musst keinen theaterreifen Auftritt hinlegen, um dein Problem möglichst dramatisch darzustellen. Das würde sich für dich auch gar nicht echt anfühlen, stimmt´s?

 

Sag deinem Gegenüber aber ausdrücklich, dass es sich wirklich um ein Problem handelt. Sag ihm, dass es dir damit nicht gut geht, dass du Hilfe brauchst und dass du dich genau deswegen an ihn gewandt hast.

 

Denk daran >>> immer und immer wieder >>> Es kann niemand deine Gedanken lesen!

 

Aufklärung ist das A und O

Um es jetzt noch einmal ganz deutlich zu sagen:

 

Ich denke, wenn Introvertierte ihr Wesen (an)erkennen und lernen, es zu akzeptieren und damit umzugehen, ist die Wahrscheinlichkeit an einer Depression zu erkranken mit Sicherheit nicht höher als bei extravertiert veranlagten Personen.

 

Nur dafür müssen sie erst einmal wissen, dass sie introvertiert sind und dass Introversion ein Persönlichkeitsmerkmal ist. Und zwar eins, das genau so eine Daseinsberechtigung hat, wie die Extraversion.  

 

Aber genau das wissen eben nicht alle:

 

Es kommt nämlich (in der Regel) niemand zu einem und sagt: "Du bist weder schüchtern noch anders und du bist schon gar nicht falsch, so wie du bist, du bist einfach „nur“ introvertiert."

 

Und es kommt (in der Regel) erst recht niemand, der einem sagt, dass das sogar Vorteile mit sich bringen könnte. Zwar nicht mehr, als bei einem Extravertierten, aber eben auch nicht weniger. 

 

Genau das sollte den Intros aber gesagt werden. Ich finde es nämlich gar nicht so wichtig, den Extravertierten zu sagen: “Hey, wir sind auch da! Bitte beachtet uns!“

Ich denke, wir Introvertierte sollten den anderen Introvertierten sagen: „Hey, wir sind viele! Lasst uns gemeinsam unsere Stärken in der Welt einbringen!“ 

 

Seit ich mich mit diesem Thema beschäftige, habe ich so viele Menschen kennengelernt, die sich selbst für schüchtern halten, obwohl sie aller Wahrscheinlichkeit nach introvertiert sind. Sie denken, es wäre Schüchternheit oder sogar soziale Inkompetenz, wenn sie sich unter Menschen nicht wohlfühlen oder wenn sie beim Small Talk keine Worte finden. Wie oft habe ich nach einem Gespräch mit ihnen die Worte gehört: „Und ich dachte immer, nur mir geht es so!“ Und ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich diesen Satz liebe.

 

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