Geschichten, Gedanken, Erinnerungen

Ich habe ihn verloren. Verdammt, ich habe schon wieder den Faden verloren. Und ausgerechnet auch noch den roten. Jeder andere wäre mir ja egal gewesen. Aber der rote? Das ist doch der wichtigste überhaupt. Wie soll ich denn jetzt bitteschön ohne roten Faden weitermachen? Das war es dann wohl. Aus. Vorbei. Ich weiß einfach nicht mehr, wo ich noch suchen soll.
Heute Morgen bin ich, wie so oft, über den Melatenfriedhof spaziert. Irgendwie hatte ich heute aber ganz andere Gedanken als sonst. „Schuld“ daran war wohl ein Kapitel aus einem Buch über Biografiearbeit, das ich gerade lese. Es ging darin um „Oral Historie“, also um mündlich überlieferte Geschichte(n), die von Zeitzeugen erzählt werden, die aber (in der Regel) in keinem Geschichtsbuch erwähnt werden.
Irgendwann letzte Woche habe ich mich früh zu einem Spaziergang aufgemacht. Um der Hitze ein wenig zu entkommen, bin ich erst einmal an den schattigen Alleen der Lindenthaler Kanälen entlangspaziert und anschließend in den Stadtwald eingetaucht.
Ich sitze in einem Cafe am Friesenplatz: Vor mir ein Latte Macchiato, in meiner Hand ein Kölnkrimi und mit mir am Tisch sitzt eine Dame mit übergroßem Hut und verschmiertem Lippenstift (nicht kussecht, wie man unschwer an der Tasse erkennen kann).
In der Großstadt mit der Bahn fahren kann schon hin und wieder zum Erlebnis werden. Am Wochenende, und erst recht, zur vorgerückten Stunde, wird es auch schon mal richtig kurios.
Im Aldi an der Kasse stand eine rüstige Dame von, ich würde mal grob schätzen, anfang Sechzig. Bei ihr war ein älterer Herr mit einem Gehwägelchen, der, wie ich im Laufe des Gesprächs heraushören konnte, ihr Vater war. Der Herr legte fleißig die Einkaufssachen auf das Band, versperrte dabei allerdings mit seinem Wägelchen und dem Einkaufswagen einigen anderen Kunden und wohl auch seiner Tochter den Weg. Störte ihn aber nicht.
Siebzehn Jahre sind jetzt vergangen, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hat. Siebzehn lange Jahre, in denen sie so oft an ihn denken musste. Natürlich gab es auch Zeiten, in denen sie mit anderen Dingen beschäftigt war. Mit ihrer Karriere und dann mit ihrer Familie. Aber dann war er auf einmal wieder da: der Gedanke an ihn … an die Zeit damals … an ihre Gefühle.
Vor einigen Jahren habe ich in einem Blumengeschäft am Melatenfriedhof in Köln gearbeitet. Jeden Tag kamen Menschen herein, die Blumen für die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen oder Freunde kaufen wollten. Manche haben sich für einen Fertigstrauß entschieden, einige Kunden wollten lieber eine bestimmte Anzahl an Rosen mitnehmen, die meisten haben aber gesagt: „Stellen Sie mir doch bitte einen schönen Strauß für soundso viel Euro zusammen“.
Ich musste zur Post. Es war mal wieder ein Tag, an dem ich anstehen musste, weil die Schlange bis zur Straße stand (wer das Postamt in Ehrenfeld kennt, der weiß, dass die Schlange wirklich lang ist, wenn die Leute bis zur Straße stehen). Jeder, der in der Reihe wartete, blickte genervt und mit einem mürrischen Gesicht vor sich hin. Außer dieser eine Herr. Ich würde mal sagen, er war so Anfang bis Mitte 60.