Der falsche Umgang mit positivem Denken kann gefährlich werden

Dieser Beitrag ist Teil der Artikelserie >>> Was ich auf meiner Reise zu mir selbst gelernt habe

 

Wer damit beginnt, sich mit sich selbst und mit seinem Leben zu beschäftigen, der wird früher oder später auch auf den Begriff „positives Denken“ stoßen.

Das ging mir genau so und es hat sich für mich zuerst total super angehört. Ich konnte überhaupt nicht nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die darin etwas Negatives sehen.

 

Es gibt aber Herangehensweisen an das positive Denken, die ich mittlerweile sogar für gefährlich halte

 

Zuerst muss ich aber etwas klarstellen: Ich rede hier nicht von der positiven Psychologie, die in den 1990er Jahren von dem Psychologen Martin Seligman mitbegründet wurde und deren Ansätze schon bei Abraham Maslow und Carl Rogers zu finden sind.

 

Im Gegenteil: Ich bin ein großer Fan der positiven Psychologie. Lag der Schwerpunkt in der Psychotherapie bis dahin ausschließlich auf dem Erkennen und Behandeln der Krankheit selbst, so richtete Seligman den Fokus auf die Dinge, die das Leben lebenswert machen.

 

Bei der positiven Psychologie geht es darum, seine persönlichen Stärken zu erkennen, zu fördern und sie (auch zum Wohle der Gemeinschaft) einzusetzen. Sie hilft dabei, selbstverantwortlich und mit einer positiven Grundhaltung durch das Leben zu gehen.

 

Bei den Positiv-Denken-Gurus geht es aber nicht um eine positive Grundhaltung

 

Sie verkaufen(!) das positive Denken als Wunderwaffe, mit der wir alles schaffen können, was wir uns wünschen >>> Reichtum, Gesundheit, den Wunschpartner, die Traumfigur, eben alles, was wir zu unserem Glück brauchen (glauben zu brauchen).

 

Gleichzeitig wird alles Negative einfach ausgeblendet. Probleme? Negative Gefühle? Gibt es nicht bzw. werden ausgeblendet. Probleme und negative Gefühle passen nicht in eine rosarot gefärbte Welt.

 

Und wenn doch Probleme auftauchen? Wenn wir uns trotzdem schlecht fühlen?

Dann haben wir etwas falsch gemacht. Wir haben eben nicht positiv genug gedacht. Also weiter denken. Noch positiver denken.

 

>>> Bei den anderen klappt das schließlich auch!!!

 

Man kann sich lebhaft vorstellen, wie einige Menschen darauf reagieren. Gerade bei labilen Menschen, die dieses positive Denken als „ letzte Rettung“ ansehen, sind Selbstzweifel und Schuldgefühle vorprogrammiert. Das kann sogar dermaßen in einer Endlosschleife enden, aus der man ohne psychologische Hilfe nicht mehr rauskommt.

 

Aber selbst wenn es nicht ganz soweit kommt. Mir fehlt bei diese Art zu denken einfach das Hinterfragen. Es geht doch jeder Entwicklungsprozess dabei verloren, wenn wir alles, was uns nicht gefällt, einfach verdrängen.

 

Sieh mal: Beim positiven Denken werden alle Gefühle, die nicht positiv sind, als negativ angesehen. 

 

Trauer, Scham, Ekel, Wut etc. sind aber keine negativen Gefühle. Sie haben genau so ihre Daseinsberechtigung, wie Freude. Einfach deshalb, weil unser Innerstes uns mit diesen Gefühlen auf etwas hinweisen will.

 

Gefühle wollen angesehen und vor allem gefühlt werden. Gerade wenn wir versuchen, dagegen anzukämpfen, machen wir sie nur noch stärker.

 

In der positiven Psychologie ist das anders:

Die positive Psychologie ist darauf ausgerichtet, dass wir lernen, mit negativen Gefühlen umzugehen.

 

Es ist eben ein Unterschied, ob ich in jeder Situation denke: Alles ist so toll, alles ist prima, die Welt ist schön und wenn ich richtig denke, wird sie noch schöner.

 

Oder ob ich denke: Ich weiß, dass das Leben auch unschöne Seiten hat, aber ich bin stark genug, mich ihnen zu stellen.

 

Affirmationen und Visualisieren – die Wunderwaffen der Positivdenker

Ich bin reich - ich bin schlank - ich strotze nur so vor Selbstvertrauen

Ja auch damit kann ich nichts (mehr) anfangen. Mein Unterbewusstsein lässt sich nicht mit irgendwelchen auswendig gelernten Sätzen verarschen. Auch dann nicht, wenn ich sie jede Stunde 25 Mal wiederhole.

 

Ich kann mir noch so oft sagen, ich bin reich oder ich bin schlank, wenn mein Kontostand oder mein Spiegel mir etwas anderes sagt, weiß mein Unterbewusstsein, dass ich mich belüge.

 

Und was passiert, wenn wir uns ständig selbst belügen? Wir verlieren das Vertrauen in uns selbst (Selbstvertrauen). Wir vertrauen schließlich anderen Personen, die uns andauernd belügen auch nicht mehr, oder?

 

Natürlich ist es wichtig, wie wir mit uns selber sprechen

Aber mit Sätzen, die nicht zu unserem Selbstbild passen, aktivieren wir erst recht negative Gefühle. Und da Gefühle nun mal um Längen stärker sind als Gedanken, haben auch noch so positive Sätze keine Chance mehr.

 

Es sind also nicht die Worte, die in das Unterbewusstsein eindringen, sondern das Gefühl, das hinter den Worten steckt.

 

Das heißt mit anderen Worten: Wenn schon Affirmationen, dann wenigstens solche, die wir uns glauben können und die positive Gefühle in uns entstehen lassen.

 

Also nicht:

Ich bin schlank – ich bin schlank – ich bin schlank,

sondern:

Ich tue jeden Tag etwas dafür, einen schlanken und gesunden Körper zu bekommen.

 

Nicht:

Ich bin reich – ich bin reich – ich bin reich,

sondern:

Ich öffne mich für Fülle und Reichtum.

 

Ich persönlich finde es allerdings viel wichtiger, grundsätzlich darauf zu achten, wie wir den ganzen Tag mit uns selber sprechen. Ob verbal (hoffentlich, wenn uns keiner zuhört) oder in Gedanken.

 

Das ist nämlich meistens alles andere als positiv:

  • Was bin ich nur für ein Idiot!
  • Immer passieren mir solche Dinge!
  • Boah sehe ich heute wieder scheiße aus!
  • Das klappt bei mir nie!

Und mal ehrlich:

Wenn ich den ganzen Tag mein Unterbewusstsein mit solchen negativen Sätzen füttere, was nützt es dann, wenn ich 2-3 mal am Tag ein paar mal wiederhole, wie toll ich doch bin?

 

Ähnlich sieht es mit dem Visualisieren aus:

Das Visualisieren ist so eine Sache:

Es kann in vielen Bereichen hilfreich sein. Ich liebe es zum Beispiel, Fantasiereisen zur Entspannung zu nutzen. Auch können wir mithilfe von inneren Bildern wunderbar unsere Schwingungen erhöhen, um so weniger negative Gedanken aufkommen zu lassen. Es ist mit Sicherheit auch bei der Zielsetzung hilfreich, sich sein Ziel in allen Facetten vorzustellen zu können (ich persönlich bin allerdings nicht so der „Zielesetzer“).

 

Aber dem Versprechen, man könne durch Visualisieren ganz einfach alle seine Ziele und Wünsche erreichen, stehe ich mehr als kritisch gegenüber.

 

Ich kann mir in den schönsten Farben ausmalen, wie ich mit 20 kg weniger und sportlicher Figur aussehe, wenn ich nicht in die Pötte komme und an meiner Figur arbeite, werde ich nie meinen Traumkörper bekommen.

 

Im Wesentlichen sehe ich drei Gefahren bzw. Probleme beim Visualisieren:

 

1. Wir visualisieren aus einem Mangel heraus

Die meisten kommen ja nur dann auf die Idee, etwas zu visualisieren, wenn ihnen etwas fehlt: Geld, ein besserer Job, ein passender Partner ... was auch immer.

Dahinter steckt aber das Gefühl, dass es so, wie es jetzt ist, nicht richtig ist. Somit sind wir praktisch permanent unzufrieden mit unserer Gegenwart.

 

Suchen wir unser Glück nicht sowieso viel zu oft in der Zukunft?

 

So nach dem Motto: Wenn ich erst einmal … dann …. 

 

Fangen wir mit dieser Einstellung auch noch an, zu visualisieren, füttert das in erster Linie unsere Sehnsucht (in dem Wort „Sehnsucht“ steckt übrigens nicht umsonst das Wort „Sucht“). Das wiederum hindert uns mehr als alles andere daran, im Hier und Jetzt zu leben und die Gegenwart zu genießen.

 

Wenn ich mir ein Visionboard mit dem Bild einer Südseeinsel über meinen Schreibtisch hänge, das ich jedes Mal verträumt ansehe, wenn ich mit einem Auftrag hadere, sage ich meinem Unterbewusstsein doch erst recht, wie doof der Ort ist, an dem ich gerade sitze.

 

 

Mal abgesehen davon weiß ich überhaupt nicht, ob ich mich auf dieser Insel auch wirklich so toll fühlen würde, wie ich es mir gerade vorstelle.

 

 

Das ist nämlich der nächste Punkt:

 

2. Wir stellen uns gerne Gefühle vor, die wir in der Zukunft fühlen wollen

Angenommen, du stellst dir vor, wie toll und fit du dich fühlst, wenn du Joggen gehst. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit und du spürst mit allen Sinnen, wie du deinem Körper etwas Gutes tust.

 

Dann kommst du auch tatsächlich in die Gänge, ziehst deine Joggingschuhe an und läufst los. Aber alles, was sich einstellt, ist das Gefühl, aus dem letzten Loch zu pfeifen.

 

Man kann Gefühle nicht vorwegnehmen. Kein Mensch weiß vorher, wie er sich in einer bestimmten Situation fühlen wird. Noch nicht einmal dann, wenn er dieselbe Situation schon einmal erlebt hat.

 

>>> Gefühlt wird ausschließlich in der Gegenwart <<<

 

Wenn wir visualisieren, kommen wir beim Joggen nicht aus der Puste. Wir haben, während wir uns vorstellen, mit Genuss unseren Salat zu essen, keinen Heißhunger auf Schokolade und es gibt in unserer Vorstellung selbstverständlich auch keinen Streit mit dem Traummann.

 

So kann es sogar passieren, dass das Visualisieren schöner ist, als die Wirklichkeit.

 

Denk mal darüber nach: Warum sollte unser Unterbewusstsein uns dabei helfen, in die Südsee zu kommen, wenn wir diese unbeschreiblichen Gefühle auch dann haben, wenn wir auf der Couch liegen und an die Südsee denken? Dann will unser Unterbewusstsein höchstens öfter auf die Couch, um dort von der Südsee zu träumen. Das ist nämlich wesentlich einfacher.

 

Und das ist dann tatsächlich der wichtigste Punkt:

 

3. Visualisieren hält uns leicht vom Tun ab

Ja, ich kenne diese unzähligen Erfolgsgeschichten, bei denen die Visualisierung funktioniert haben soll:

  • Jim Carrey, der sich selbst einen zehn Millionen Dollar Scheck ausgestellt und in sein Portemonnaie gesteckt hat.
  • Michael Jordan, der immer wieder vor seinem geistigen Auge Körbe geworfen hat.
  • Von all den erfolgreichen Menschen, die so lange auf die Bilder ihrer Traumvilla gesehen haben, bis sie dort einziehen konnten. 

Nur leider gibt es keine Statistiken über die Menschen, die jeden Tag in Gedanken ihre Goldmedaillen zählen und die trotzdem nie auf dem Treppchen standen oder stehen werden. Oder von denen, die ihr Leben lang die Bilder eines Ferraris anstarren, bis sie sie in den Ofen schmeißen, um ihre Zweizimmerwohnung zu heizen.

 

Könnte es nicht vielleicht doch sein, dass Michael Jordan seinen Erfolg viel mehr seinem harten Training zu verdanken hat? Oder dass Jim Carrey seinen Filmvertrag deswegen bekommen hat, weil er unermüdlich bei den Produzenten vorgesprochen hat?

 

Bilder im Kopf schaffen keine Realität - die Handlungen schaffen Realität

 

Deswegen sollte die Handlung immer an erster Stelle stehen. Wer jeden Tag trainiert, um in seiner Disziplin, was immer das ist, besser zu werden, der kann sich selbstverständlich sein Ziel in allen Facetten bildlich vorstellen. Wenn es ihm guttut und es seiner Motivation dient, ist das eine wunderbare Ergänzung zum Training.

Aber nur visualisieren und davon ausgehen, dass diese Bilder irgendwann einmal Wirklichkeit werden, das ist einfach nur naiv.

 

>>> Sobald du losgehst, tut sich der Weg auf <<<

 

Ich kenne da eine Frau, die lange Zeit davon geträumt hatte, eine (erfolgreiche) Schriftstellerin zu werden. Sie hat ihr zukünftiges Leben in allen Facetten visualisiert.

 

Morgens vor dem Aufstehen, abends vor dem Schlafengehen. Mit Bildern über ihrem Schreibtisch, auf ihrem Desktop und in ihrem Schlafzimmer. Mit Affirmationen, die sie auswendig gelernt hat und Mantras, die sie beim Einschlafen gehört hat.

 

Hätte sie diese Zeit und vor allem diese ganze Energie ins Schreiben investiert, wäre mittlerweile schon das 4. Buch fertig :)   

 

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