Suche nach dem roten Faden

 

Ich habe ihn verloren. Verdammt, ich habe schon wieder den Faden verloren. Und ausgerechnet auch noch den roten. Jeder andere wäre mir ja egal gewesen. Aber der rote? Das ist doch der wichtigste überhaupt. Wie soll ich denn jetzt bitteschön ohne roten Faden weitermachen? Das war es dann wohl. Aus. Vorbei. Ich weiß einfach nicht mehr, wo ich noch suchen soll.

 

Seit Stunden durchstöbere ich jeden Winkel meiner Wohnung nach diesem blöden Faden. Jede Schublade habe ich mindestens schon dreimal auf und wieder zu gemacht. Im Papierkorb, in der Wäschetruhe, ja sogar im Kühlschrank habe ich schon nachgesehen. Nichts. Er ist weg.

 

So langsam befällt mich die Panik. Ob ich ihn doch irgendwo unterwegs … ? Nein, das kann eigentlich nicht sein. Ich war doch nur an meinem Schreibtisch mit diesem Faden beschäftigt. Trotzdem ziehe ich mir meine Jacke an und gehe vor die Türe.

 

Es ist zwar frisch hier draußen, aber die Luft tut mir doch gut. Ich atme dreimal tief ein und gehe los. Wohin? Egal, einfach los. Instinktiv marschiere ich Richtung Stadtwald. Dort angekommen empfängt mich eine herrliche Ruhe. Ich setze mich auf eine der Bänke, schließe meine Augen und versuche für einen Moment den Faden einfach Faden sein zulassen.

 

„Es muss doch auch mal ohne gehen“ denke ich. „Es gibt bestimmt genug Menschen, die gar keinen Faden brauchen. Warum muss bei mir denn immer alles so perfekt sein?“

Also genieße ich den Augenblick. Lausche dem Wind, der die letzten Blätter von den Bäumen weht, und erfreue mich an dem Vogel, der zaghaft sein Lied für den Frühling einzustudieren scheint.

 

Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich vor mir einen kleinen Fussel unter den Blättern hervorgucken. Neugierig beuge ich mich runter und will ihn aufheben, aber je mehr ich an ihm ziehe, desto länger wird er. Ups, das scheint etwas ganz anderes zu sein. Ich ziehe weiter und aus dem kleinen schmutzigen Fussel wird so nach und nach ein richtiger Faden.

 

Jetzt kann ich ihn auch besser erkennen. Oh Gott das wird doch wohl nicht …? Doch tatsächlich unter dem ganzen Staub schimmert es ein wenig rötlich. Es ist zwar noch kein richtig roter Faden, aber ich kann bestimmt etwas draus machen.

 

 

Und was hat mich diese Geschichte nun gelehrt? Meistens ist der rote Faden gar nicht da, wo man ihn verloren hat. Sondern man findet ihn dort, wo man ihn überhaupt nicht vermutet.

  

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