Introversion und Extraversion - mehr als gefühlte Eigenschaften

Dass ich introvertiert bin, weiß ich schon lange. Für mich war das aber lange Zeit einfach nur eine Erklärung für meine ruhige Art. Ich dachte immer, die introvertierten sind die ruhigeren Menschen und die extravertierten eben die, die mehr aus sich rausgehen.

 

Was hinter diesen beiden Persönlichkeitsmerkmalen noch alles steckt, ist mir erst viel später klar geworden, als ich mich ausführlicher damit beschäftigt habe. Und dann fing es an, für mich interessant zu werden. Plötzlich hatte ich für alles eine Erklärung, was sich in meinem Leben ereignet hat.

 

 

Introversion und Extraversion sind keine gefühlten Eigenschaften. Die Unterschiede lassen sich im Gehirn deutlich nachweisen. Es ist also kein subjektiver Eindruck, dass introvertierte Menschen bei Gesprächen langsamer reagieren oder schneller erschöpft sind als ihre extravertierten Zeitgenossen.

 

Wenn der Kopf „zu voll“ wird

Bevor ich mich so richtig mit Introversion auseinandergesetzt habe, habe ich meine Situation, wenn ich in einem lauten Umfeld unterwegs war, immer folgendermaßen beschrieben:

 

Es ist ein Gefühl, als ob immer mehr Dinge (Geräusche, Informationen, etc.) in meinen Kopf hineingehen, aber nichts mehr rauskommt.

 

Und das trifft es auch genau auf den Punkt. Der extrovertierte Mensch hat tatsächlich mehr Andockstellen für äußere Einflüsse im Gehirn als die introvertierte Person. Das Gehirn der Intros ist also tatsächlich schneller „voll“.

 

Gilbert Dietrich hat auf seinem Blog geistundgegenwart.de zwei sehr interessante Artikel veröffentlicht, die sich mit der Chemie in den Köpfen introvertierter Menschen beschäftigen.  

  

>>> Die Chemie in introvertierten Köpfen I

>>> Die Chemie in introvertierten Köpfen II

 

Vor allen Dingen muss der Introvertierte ja nicht nur mit den äußeren Eindrücken fertig werden. Auch in seinem Inneren spielt sich eine Menge ab. Selbst im Ruhezustand weist das introvertierte Gehirn eine höhere Aktivität vor, als sein extravertiertes Gegenstück.

 

Laut Marti Olsen Laney, dem Autor des Buches Die Macht der Introvertierten, verarbeiten introvertierte Menschen die Informationen langsamer, dafür aber umso sorgfältiger.

 

Das dürfte auch einen weiteren großen Unterschied zwischen introvertierten und extravertierten Menschen erklären:

>>> Die Reaktionszeit bei einem Gespräch

Für mich ist es nahezu unmöglich, auf eine Frage, die aus heiterem Himmel kommt, direkt zu antworten bzw. sofort eine für mich zufriedenstellende Antwort zu finden.

Auch bei einer Diskussion ist das Gespräch meistens schon beim übernächsten Thema angekommen, bevor ich meinen Senf zusammengerührt habe, um ihn dazugeben zu können.

 

>>> Reden – die ewige Herausforderung introvertierter Menschen   

 

Mittlerweile weiß ich aber, dass es nicht nur mir so geht. Immer wieder bekomme ich die Bestätigung:

 

>>> Introvertierte denken nach bevor sie reden.

>>> Extravertierte denken während sie reden.

 

Wenn die Informationen sofort nach "hinten" rutschen

Der ebenfalls introvertierte Autor Patrick Hundt schreibt in einem seiner Artikel auf introvertiert.org, dass der Introvertierte seine Informationen aus seinem Langzeitgedächtnis kramen muss, während der Extravertierte sie sofort aus dem Kurzzeitgedächtnis holt.

 

>>> Warum Introvertierte sich mit Small Talk so schwer tun

 

Für diese These habe ich keine Beweise oder weitere Quellen, halte die Erklärung allerdings für absolut nachvollziehbar:  

 

Ihr glaubt gar nicht, an was ich mich alles erinnern kann, was schon Jahre (Jahrzehnte) zurückliegt. Ich brauche nur die ersten Klänge eines Liedes zu hören, und auch wenn ich das Stück seit 25 Jahren nicht mehr gehört habe, kann ich es sofort mitsingen (auf die Qualität meines Gesanges hat das leider keinen Einfluss ;)).  

 

Auch andere Ereignisse, die schon ewig zurückliegen, sind sofort präsent, sobald ein Schlüsselwort fällt oder irgendein anderer Impuls von außen kommt. Frag mich aber nicht, was es gestern zu essen gab (frag mich das lieber in zwei Wochen nochmal).

 

Besser verstehen kann man das vielleicht, wenn man sich die andere Bezeichnung für Kurzzeitgedächtnis vor Augen führt: Arbeitsgedächtnis.

Also das Gedächtnis, in dem die neusten Informationen gespeichert werden, mit denen man dann kurzfristig „arbeiten“ kann. 

 

Tatsächlich habe ich, wenn ich etwas gefragt werde, vor allem von einer mir nicht näher bekannten Person, das Gefühl, die Information ist einfach nicht mehr da - Schwupp nach hinten gerutscht - sehr wahrscheinlich dann wohl in mein Langzeitgedächtnis, denn da finde ich sie irgendwann einmal wieder. 

 


Ruhepausen sind für den Introvertierten ein "Muss"

Im Grunde genommen ist es nur verständlich, dass der Introvertierte bei der ganzen Reizüberflutung, mit der sein Gehirn fertig werden muss, schneller und auch öfter eine Ruhephase braucht. Er muss sein Gehirn praktisch wieder in den Aufnahmemodus bringen und das geht nur, wenn er eine Zeit lang abschaltet.

 

Dem Extravertierten dagegen wird es ziemlich schnell langweilig, wenn keine Reize mehr von außen kommen. Sein Gehirn ist empfänglicher für das Glückshormon Dopamin und deswegen braucht er viel häufiger Motivation oder eine Belohnung, um sein Dopamin Depot wieder aufzufüllen.

 

Dieser Artikel basiert in erster Linie auf meinen Eindrücken. Damit möchte ich  klarmachen, dass Intros tatsächlich anders ticken als Extros, dass dieser Unterschied aus einem Intro aber noch lange keinen Exoten macht (das ist für den Intro selber übrigens auch gut zu wissen, da er sich nämlich selbst auch öfter als „falsch“ ansieht).

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