Die Geschichte von Jan und ... seiner Mutter

Seiner Mutter? Genau! Die von Jan und Griet kennt ja jeder :)

 

Jan von Werth selbst soll es gewesen sein, der diese liebenswerte Anekdote über seine Mutter immer wieder zum Besten gab:

 

Ihr Name war Elisabeth von Streithagen. Aber wie in Köln so üblich, kannten die meisten sie nur unter dem Namen Liss oder Lies. 

 

Diese Geschichte spielte sich ab, als Jan gerade erst General geworden war. Er hatte sich mittlerweile von seinem Liebeskummer erholt und plante wahrscheinlich schon seinen großen Auftritt an der Severinstorburg, um der eingebildeten Griet zu zeigen, was er alles erreicht hatte.

 

Jans Mutter lebte zu dieser Zeit noch auf dem Land. Den größten Teil ihres Lebens war sie eine einfache und schwer arbeitende Bäuerin.

 

 

Als eines Tages ein junger Offizier in einem schmucken Vierspänner auf ihrem Hof vorfuhr und nach ihr fragte, wurde ihr erst einmal angst und bange. Machte sie sich doch sofort Sorgen, ihrem Sohn könne etwas passiert sein.

 

Es ging ihm aber prächtig. Der junge Mann erzählte ihr, dass Jan sich kurz vor den Toren Kölns befand und er sie in die Stadt bringen solle, damit Jan sein Mütterlein gleich nach seiner Ankunft begrüßen könne. 

 

Das war natürlich eine super Nachricht.

 

Die Liss bekam ganz rote Bäckchen vor Aufregung und lief sofort ins Haus um sich in ihr neues Sonntagskleid zu werfen. Gut aussehen wollte sie für ihren Jan. Kannte er sie doch fast nur in ihrer Arbeitskleidung und die entsprach ganz bestimmt nicht unbedingt der Haute Couture des 17. Jh.

 

In Köln angekommen brachte der Offizier sie zu einem stattlichen Herrenhaus, das für die Zeit von Jans Anwesenheit seine Herberge sein sollte. Die beiden wollten gerade die prächtige Marmortreppe hochgehen, als ihnen ein ziemlich dicker und ziemlich böse dreinguckender Mann entgegen kam.

 

"Wat well dat ordinäre Wiev dann hee in däm edle Huus?"

 

fragte er den Offizier und sah die arme Liss dabei mit tiefer Verachtung an. 

 

Natürlich war im das Ganze wahnsinnig unangenehm, als er erfuhr, wen er denn da vor sich hatte. Aber war er ja selber schuld. Jedenfalls entschuldigte er sich an die 100 mal bei der Liss und verbeugte sich dabei so tief, dass es in seinem Rücken knackte (könnte ich mir jedenfalls vorstellen).

 

Seine anfängliche Arroganz verwandelte sich auf der Stelle in eine schmierige, schleimige Demut und nett, wie er plötzlich war, sagte er zur Liss, sie möge es ihm bitte verzeihen (Entschuldigung Nr. 101), doch könne sie auf keinen Fall in diesen Kleidern vor die ganzen hohen Offiziere treten. Das gehöre sich einfach nicht für die Mutter eines Reitergenerals. Und der Jan würde es ihm schließlich auch nie verzeihen, wenn er sie so in den Saal gehen ließe.

 

Jetzt war guter Rat teuer. Liss fing schon langsam an zu verzweifeln. Wollte sie ihren Jungen doch auf keinen Fall blamieren. Aber sie hatte nun mal keine andere Garderobe dabei. Da kam der Mann auf eine Idee:

 

"Mensch, dat es et. Ming Frau, dat Tring, hätt esuvill Pluute en ehrem Schrank, dat hä baal üvverläuf. Dat hätt bestemmp e paar ööntliche Klamotte üvverig." 

 

Und so wurde die Liss geschminkt und frisiert, gepudert und parfümiert, was das Zeug hielt und als sie endlich fertig war, erkannte sie sich selbst fast nicht mehr wieder. Als sie dann noch in ein gestreiftes Samtkleid gesteckt wurde und ihre Füße in ein paar Lackschuhe gepresst wurden, war die Kostümierung vollständig.

Derart aufgebrezelt kam sie dann auch pünktlich zum Einzug in den Saal. Als Liss ihren Jan von Weitem sah, hüpfte sie ganz aufgeregt von einem Bein auf das andere (was nicht ganz leicht war mit den neuen Schuhen. Die Mädels kennen das). Aber als er an ihr vorbei kam und Liss ihm freudig um den Hals fallen wollte, sah Jan einfach durch sie hindurch.

 

Hey, was war das denn? Hatte er sie denn nicht gesehen? Ganz aufgeregt lief sie hinter ihm her und zupfte ihn an seinem Ärmel:

 

"Jan, minge leeve Jung, wat ben ich fruh, dich zo sinn."

 

Aber Jan blickte sie mit einem ganz seltsamen Blick an:

 

"Wä sid ehr? Ming Mutter künnt ehr nit sinn. Ming Mamm es en ööntliche Frau un kein opgetakelt Frauenzimmer!"

 

Da wurde der Liss plötzlich klar, dass die ganze Verkleidung und die Bemalung ausgemachter Blödsinn war:

 

"Jung, do häs rääch. Ich ben gar nit ding Mamm. Waad ne Augebleck. Ich gonn se dir holle."

 

Wie ein geölter Blitz lief sie zum Haus zurück, um sich die ganze Farbe aus dem Gesicht zu wischen und in ihre gewohnten Kleider zu steigen.

 

Zurück im Saal nahmen Jan und die anderen hohen Herren gerade an der Festtafel Platz. Jetzt strahlte er über alle Backen und nahm seine Mutter in den Arm:

 

"Jo, jetz hann ich se widder. Dat es ming leeve Mamm."

 

Überglücklich nahm Liss neben ihrem Sohn Platz und wollte gerade in das halbe Hähnchen beißen, das vor ihr lag, als der Erste anfing, eine Rede zu halten. Dann kam der Zweite, der Dritte und so weiter. Jeder hielt eine Lobrede auf ihren Jan, den plötzlich alle "Exzellenz" nannten.

 

Und als Liss schon ganz müde war und mittlerweile auch noch Hunger bis unter beide Arme hatte, kamen die Herren auch noch auf die Idee, Liss solle doch auch noch etwas sagen. Jetzt war sie logischerweise wieder hellwach und stotterte:

 

Ich ... wat soll ich dann ...? Ähm ... ! Also ich ben ... et Liss ... un ...ich ben ... en einfach Boorewiev. Ich hann nit vill ze sage. Ävver eins dat dät ich gään ens froge: Woröm saht ehr all Exe Lenz? Ich hann minge Jung doch Jan däufe looße!

 

Da fingen alle im Saal an zu lachen. Aber nicht aus Hohn, sondern weil sie die Liss so in ihr Herz geschlossen hatten. Auch Jan nahm sie wieder in den Arm und sagte:

 

"Leev Mamm. Do häs do verdammp rääch. Ich heiße jo och gar nit Lenz. Ich ben un blieve dinge Jan. Dinge kölsche Jan vun Wääth."



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